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Lesens-, nicht verdammenswert
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Alle meine Rezensionen ansehen Rezension bezieht sich auf: Praktische Ethik (Taschenbuch) "Ich fand die ganze liebe deutsche Bestie gegen mich anspringend - ich bin ihr nämlich durchaus nicht mehr »moralisch genug.«" (Nietzsche)

Peter Singer dürfte vielen entweder als der Philosoph bekannt sein, der dafür eintritt, Tiere moralisch dem Menschen gleichzustellen, oder als der Philosoph, der Behinderten das Lebensrecht abspricht. Während erstere Aussage etwas vereinfacht, aber im Grunde wahr ist, handelt es sich bei letzterer um ein die Grenzen der Verfälschung klar überschreitendes Zerrbild (insbesondere, wenn Singer in die Nähe der NS-Euthanasie gerückt wird). Allein schon, wer daran interessiert ist, die Wahrheit hinter der dämonisierenden Fassade kennen zu lernen, sollte Singer selbst lesen.

Die "Praktische Ethik" ist aber auch interessant für jeden, der utilitaristische Ansichten zu verschiedenen anderen oft hochaktuellen ethischen und politischen Themen lesen möchte, denn Singer behandelt in diesem Buch weit mehr als die genannten Themen, mit denen er berühmt-berüchtigt geworden ist. Er schreibt u. a. auch zu Abtreibung, Flüchtlingsproblematik, Entwicklungshilfe und Umweltschutz, und zur sicheren Überraschung derer, die in ihm wegen seiner Äußerung zur Euthanasie einen verkappten Nazi sehen, nimmt er hierbei großteils sehr linke bzw. grüne Positionen ein.

Singers Ansatz ist dabei sehr freigeistig und sehr konsequent. Freigeistig, weil er - im besten Sinne des aufklärerischen "Sapere aude!" - wie einst der eingangs zitierte und ebenfalls vielfach verzerrte Nietzsche etablierte Grundsätze der herrschenden Moral wie die Höherwertigkeit des Menschen gegenüber anderen Lebensformen oder die kategorische Geltung des Rechts auf Leben von Geburt an nicht nur anzuzweifeln, sondern auch noch begründet abzulehnen wagt; konsequent, weil er den von ihm für richtig befundenen Grundsatz der absolut gleichen Interessenabwägung, unabhängig etwa von Geschlecht, "Rasse" oder Spezies, in verschiedenen Bereichen anwendet und dabei auch nicht davor zurückschreckt, diejenigen Folgen klar zu benennen, die wohl manch anderer heruntergespielt oder unter den Teppich gekehrt hätte, um seinen guten Ruf nicht zu gefährden.

Man muss natürlich Singer nicht in allen Punkten und auch nicht im Wesentlichen zustimmen. Wie jedes andere ethische Buch zuvor kann auch die "Praktische Ethik" nicht für sich beanspruchen, die definitive Wahrheit in ethischen Fragen gefunden zu haben, und an einigen Stellen kann anstelle von entrüsteten Bannflüchen auch begründete, sachliche Kritik geübt werden (so ignoriert Singer etwa die Frage, ob Entwicklungshilfe vor Ort auch so wirkt, wie sie wirken soll). Was die "Praktische Ethik" allerdings für sich beanspruchen kann, ist, mit ihrem anti-dogmatischen Impuls den ethischen Diskurs zu beleben, indem eine Reihe höchst unkonventioneller Ansichten vorgestellt werden und man Anstöße gegeben werden, auch einmal über das nachzudenken, worüber man sonst nicht nachdenkt, weil man es für selbstverständlich hält. Dazu kann es allerdings nur kommen, wenn man Singer eine faire Chance einräumt und seine Ansichten frühestens, nachdem man dieses Buch unvoreingenommen gelesen hat, verdammt. Wenn die herrschende Moral der Ethik Singers überlegen ist, muss sie den offenen Diskurs nicht fürchten - und wenn sie ihn fürchten muss, so ist sie um so überdenkenswerter und ein offener Diskurs um so notwendiger. So oder so ist dieses Buch lesenswert.
Eine Rezension von Ein Kunde
vom 11. August 2010
Kundenrezensionen:
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