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| Grundkurs Ethik: Grundbegriffe philosophischer und theologischer Ethik
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Liberal-protestantische Tradition im Gespräch mit gegenwärtiger Ethik, didaktisch gut aufbereitet
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Alle meine Rezensionen ansehen (TOP 1000 REZENSENT) Rezension bezieht sich auf: Grundkurs Ethik (Broschiert) Fischers "Grundkurs Ethik" [1: Da bis auf die sechste Lektion (Stefan Gruden) und die Übungen sowie die didaktischen Hilfen (Ester Imhof und Jean-Daniel Strub) alles von Johannes Fischer verfasst wurde, nenne ich in dieser Rezension nur Letzteren, wenn ich mich auf die Autorenschaft des Buches beziehe.] entstand aus dem Lehrbetrieb der Evangelischen Theologie und "des kleinen Nebenfachs Ethik" in Zürich (11). Daher rührt der philosophisch-theologische Doppelansatz. Erstes Ziel des Grundkurses ist es, nicht nur reproduzierbares Wissen, sondern die ethische Urteilsbildung zu schulen, was den "präzisen Umgang mit ethischen Begriffen" (11) erfordert. Daher stehen am Ende einer jeden Lektion Kontrollfragen, die zur Wiederholung des Gelesenen dienen, sowie weitere Übungen und Beispieltexte, an denen das Gelernte angewandt werden soll. Fischer will zweitens für Studienanfänger ein einführendes Werk bieten, das "den Akzent auf Begriffe und Methoden legt" (12). Drittens sollen Theologinnen und Theologen in "philosophischer Ethik" (12) geschult werden. Deshalb klären die ersten sechs Kapitel die Begriffe und Methoden einer philosophischen Ethik, die folgenden sechs Kapitel führen in die "evangelische Ethik" (12) ein. Die letzten zwei Kapitel sollen Begriffe mit Relevanz sowohl für Philosophie als auch für Theologie (Menschenwürde, -rechte oder Verantwortung etc.) behandeln. Der Grundkurs besticht mit klaren Begriffsklärungen und -unterscheidungen und hilft somit, das analytische Denken zu schulen. Von Beginn an werden Begriffe klar definiert. Der Grundkurs ist didaktisch gut durchdacht. Zudem enthält er einen Anhang für Dozierende (455-460). Die Kapitel bauen logisch aufeinander auf. So wird beispielsweise im ersten Kapitel, neben zahlreichen grundlegenden Definitionen, Ethik - wie das allgemeiner Konsens ist - als (philosophische) Reflexion auf Moral eingeführt. Dann wird im zweiten Kapitel der Moralbegriff bestimmt und im dritten, was "philosophische Reflexion auf Moral" bedeutet. Die Begriffsbestimmungen sind teils ausführlicher als in anderen Lehrbüchern. Fischer erläutert z. B. die Begriffe "naturalistischer Fehlschluss" (54), "Begriff" (106-107), "Äquivokation" (112) eingehend. Auch ist beispielsweise der Abschnitt zur Angewandten Ethik (92-99) sehr detailliert und verständlich geschrieben, was dem didaktischen Anspruch des Grundkurses gerecht wird. Es ist ein Vorzug Fischers, dass er sehr stark analysierend und unterscheidend vorgeht und somit gerade Studienanfängern ein Grundgerüst vor Augen stellen kann. Die Unschärfe bezüglich mancher theoretischer Ansätze und Konzeptionen wird durch die Klarheit in der Begriffs- und Methodendidaktik aufgewogen. [2: Eher grobschlächtig ist z. B. die Einordnung Immanuel Kants im Abschnitt "Deontische und konsequentialistische Bewertung von Handlungen und Handlungsweisen" (34-36); vgl. dazu: Lienemann, Wolfgang: Grundinformation Theologische Ethik, Göttingen 2008, 36-38. Lienemann bietet ferner ein ausführliches Kapitel zu den "Konzeptionen philosophischer Ethik", a. a. O., 111-147.] Neben den ersten sechs qualitativ sehr hochwertigen "philosophischen" Kapiteln ist in den "theologischen" Kapiteln ein Übungstext von Ernst Tugendhat [3: "Über die Notwendigkeit und die Unmöglichkeit des religiösen Glaubens" (Fischer, Grundkurs, 298-303).] exemplarisch hervorzuheben. Hier wird deutlich, dass der Dialog mit der Philosophie nicht nur hinsichtlich der Begriffsbestimmungen und Methoden gesucht wird, sondern konsequent auch philosophische Argumentationen beachtet werden. Zwar betont Fischer immer wieder, dass und wenn es sich um seine eigene Sicht handelt (vgl. z. B. 14.287.448). Dennoch lenkt er mit der Auswahl und Bearbeitung von Beispielen den Leser bzw. die Leserin auf eine bestimmte Spur. In Kapitel 4.2 wird etwa durchgängig auf das Beispiel "verbrauchende Embryonenforschung" rekurriert (105-113). An diesem Beispiel erläutert Fischer den kategorialen Unterschied zwischen einem "biologischen" und einem "sozialen Begriff des Menschen" (111f.). Wegen dieser Kategoriendifferenz sei es unmöglich, Embryonen (die nur biologisch Menschen seien) als "Personen" zu klassifizieren (112, vgl. auch 217-220.395-407.421-427). Fischer verschweigt zwar nicht, dass es gute Gründe gibt, Embryonen als Personen zu bezeichnen (407), aber er führt diese nicht auf. Die kategoriale Unterscheidung des Philosophen Robert Spaemann von "etwas" und "jemand" erwähnt Fischer nicht (vgl. 421-427). [4: Spaemanns Argument hinsichtlich des Embryonenstatus lautet: "Es gibt keinen gleitenden Übergang von 'etwas' zu 'jemandem'" (Spaemann, Robert: Personen. Versuche über den Unterschied zwischen 'etwas' und 'jemand', Stuttgart 1996, 258). "Personen sind, oder sie sind nicht. Aber wenn sie sind, sind sie immer aktuell, semper in actu. Sie sind, wie die aristotelische Substanz, prote energeia, erste Wirklichkeit, die die Möglichkeit zu einer Vielfalt von weiteren Aktualisierungen in sich birgt" (a. a. O., 262). Vgl. auch ders.: Wann beginnt der Mensch Person zu sein?, in: Spieker, Manfred (Hg.), Biopolitik. Probleme des Lebensschutzes in der Demokratie, Paderborn 2009, 39 50. Im Vortrag "Zum narrativen Fundament der sittlichen Erkenntnis. Metaethische Überlegungen zur Eigenart theologischer Ethik" (in: Friederike Nüssel (Hg.): Theologische Ethik der Gegenwart. Ein Überblick über zentrale Ansätze und Themen, Tübingen 2009, 75-100) bezieht sich Fischer kritisch auf Spaemann (a. a. O., 99f.). Genau dieser Abschnitt zum Personenstatus von Embryonen wurde aber in einer späteren Veröffentlichung weggelassen (vgl. ders.: Sittlichkeit und Rationalität. Zur Kritik der desengagierten Vernunft, Stuttgart 2010, 146-171). Der Vortrag wird im Grundkurs teilweise wörtlich wiedergegeben.] Auf diese Weise implementiert Fischer gerade dem Studienanfänger sozusagen en passant seine eigene Meinung. [5: Fischer ist einer der evangelischen Ethiker, die sich in der FAZ vom 23.1.2002 für die so genannte verbrauchende Embryonenforschung aussprechen. Vgl. Starre Fronten überwinden. Eine Stellungnahme evangelischer Ethiker zur Debatte um die Embryonenforschung, in: Reiner Anselm/Ulrich H. J. Körtner (Hg.), Streitfall Biomedizin. Urteilsfindung in christlicher Verantwortung, Göttingen 2003, 197 208: Hier ist die Stellungnahme, die von allen neun Autoren des Bandes verantwortet wird, in gekürzter Fassung abgedruckt.] Er verweist zwar auf Spaemann, referiert ihn aber nicht wirklich (421.423.426). Der Grundkurs folgt einer bestimmten Ethikrichtung und muss daher - wie Fischer selbst rät - ggf. auch im "Widerspruch" (448) gelesen werden. Fraglich ist, ob ein Grundkurs, der wie gezeigt teils auch unterschwellig in eine bestimmte Richtung führt, geeignet ist, die ethische Urteilsbildung gerade von Studienanfängern zu schulen. Die eigene Tendenz müsste m. E. noch transparenter gemacht werden. Leider schreibt Fischer zudem oft sehr langatmig und die einzelnen Kapitel, die recht unterschiedlicher Qualität sind, könnten viel pointierter und feiner gegliedert sein. [6: So benötigt er - freilich mit vielen eingeschobenen Erklärungen und Definitionen - ein ganzes Kapitel, für die Überlegungen, was Ethik überhaupt sei, während z. B. Lienemann innerhalb von einer Seite zum Punkt kommt (vgl. Fischer, Grundkurs, 17 40 vs. Lienemann, Grundinformation, 11 12).] Obwohl Fischer sich bemüht, einfach zu schreiben und Fachbegriffe zu erläutern, bleiben gelegentlich ungeklärte Ausdrücke stehen. So wird beispielsweise der Begriff "Implikation" (105) nicht hinsichtlich seines philosophischen Bedeutungsgehalts expliziert ("Wenn-dann"-Beziehung). Die Besonderheit Fischers ist die Betonung der Wahrnehmung für die moralische Urteilsbildung und ihrer narrativen Prägung (vgl. 60-66.221-231 u. ö.). Dieser spezifische Ansatz ist gerade dort, wo Ethik sich nicht auf Extremfälle, sondern auf das ganz Alltägliche bezieht, von großer Bedeutung. Doch hat das Konzept dieser auf Wahrnehmung basierenden "Theologischen" Ethik den Nachteil, dass "Gott" nur in der Vorstellung des Menschen vorkommen kann. [7: "Es geht dann um das Verständnis der Wirklichkeit, die in den Artikulationen des Glaubens begegnet" (Fischer, Grundkurs, 290, Hervorhebung im Original). Vgl. auch a. a. O., 269-277.] Daher lässt sich bei Fischers Ethik eher von christlich geprägter "Metaphysik" oder "Anthropologie" sprechen als von "Theologie". Den Anschluss an eine Ethik in weltweit-ökumenischer Perspektive wird sie jedenfalls nicht finden. [8: Vgl. im Gegensatz dazu meine Rezension zu Lienemann, Grundinformation in derselben Ausgabe des ichthys, 110-112.]
Christof Viktor Meißner
ichthys 27 (2011), 124-126
Eine Rezension von Ein Kunde
vom 7. April 2011 | | |
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